Genussvolles Wandern im Piemont

Piemont – genauer der piemontesische Westalpenbogen – bringt ein Wanderführer aus dem Michael Müller Verlag in den Fokus. Sabine Bade und Wolfram Mikuteit haben insgesamt 38 Touren zusammengetragen, die definitiv keine Wünsche offenlassen. Aber der Reihe nach. Piemont, wo ist das überhaupt? Hatte ich beim Betrachten des wunderschönen Covers an eine Insel im Meer gedacht, wurde ich mit Blick auf die Buchrückseite schnell eines Besseren belehrt. Westlich von Turin schmiegt sich der piemontesische Westalpenbogen an die italienische Landesgrenze zu Frankreich und kommt bei Cuneo in die sehnsuchtsvolle Nähe zum Mittelmeer. Abwechslung ist mit dieser Ausdehnung schon von Anfang an garantiert. Und so wundert es nicht, dass sich die Wandertouren auf fünf verschiedene Gebiete aufteilen, die je ihre ganz eigene Charakteristik aufweisen. Was mir dabei besonders gefallen hat: Die Autoren haben sehr darauf geachtet, dass in den Wandergebieten immer für (fast) alle Anforderungsprofile etwas dabei ist. So kommen nicht nur ambitionierte Bergwanderer auf ihre Kosten, sondern auch Naturliebhaber, die es lieber etwas langsamer angehen lassen wollen. Touren finden sich dabei nicht nur in drei, sondern in vier Schwierigkeitsstufen – so gelingt eine genauere Untergliederung. Wanderungen, die nach Meinung der Autoren auch für Kinder geeignet sind, wurden im Inhaltsverzeichnis besonders markiert; Länge und Dauer erschließen sich ebenso auf den ersten Blick.

Auf das Inhaltsverzeichnis folgt der allgemeine Teil. Gleich an dieser Stelle möchte ich einfügen, dass mir die Schriftgröße in den Wanderbüchern des Michael Müller Verlages wirklich einen Tick zu klein ist. Es ist eben immer eine Abwegungsfrage. Wird die Schriftart größer, braucht man vielleicht mehr Seiten oder weniger Informationen. Ich persönlich bin der Meinung, dass man an mancher Stelle sicherlich auf ein oder zwei Sätze hätte verzichten können. Diese Anspielung lässt bereits vermuten, dass der Allgemeine Teil recht ausführlich geraten ist. Zuerst stellen die Autoren die verschiedenen Wanderregionen etwas genauer vor und betten in ihre Ausführungen auch gleich die einzelnen Touren ein (sehr gelungen!). Besonders hilfreich fand ich die Themen Wetter und Wandersaison. Hier finden sich nicht nur empfehlenswerte Wetter-Webadressen, sondern auch zwei Diagramme mit den durchschnittlichen Tagestemperaturen und Niederschlagsmengen in den einzelnen Monaten und nochmals unterteilt nach verschiedenen Städten des Piemonts. Super daneben die Tageslängen-Tabelle in Turin. Sicherlich weniger interessant, wenn man direkt im Sommer unterwegs ist, aber sobald die Tage kürzer werden oder noch nicht lang genug sind, hilft es doch zu wissen, ob man die gewählte Tour entspannt im Tageslicht zurücklegen kann. Weniger begeistern konnten mich dagegen die Ausführungen zur Stein- und Felskunde. Der Text ist so derart angefühlt mit Informationen, dass für das „Wir stimmen uns auf den Urlaub ein“-Gefühl oftmals gar kein Platz mehr war. Es folgte ein kurzer Überblick über die Pflanzenwelt im Piemont – leider mit definitiv zu wenig Bildern bzw. hätte ich mir von den besonderen Arten Bilder gewünscht – wie ein Edelweiß aussieht, ist ja durchaus bekannt. Hier wiederum findet sich aber ein hervorhebenswerter Infokasten mit Alpengärten, die es zu entdecken gibt. Generell finden sich im gesamten Wanderführer immer wieder derartige Infokästen, die etwa Varianten zu einer Tour beinhalten, weitere Tourenvorschläge unterbreiten, allgemeine Tipps und Infos geben oder auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Sie bleiben dabei – trotz ihrer relativ hohen Dichte, vor allem im Tourenteil des Buches – stets unaufdringlich.

Weiterhin werden im allgemeinen Teil folgende Themen behandelt: Tierwelt, Wanderwege, Ausrüstung & Verpflegung (sehr zweckdienlich und nicht übertrieben!), Notfallnr., Tourenplanung und –durchführung. Hierzu ist zu sagen, dass die Autoren sehr darauf geachtet haben, dass man von einem Tal aus möglichst immer mehrere Touren absolvieren kann. Darauf folgt dann ein genauerer Blick in die Regionen und Täler, welche Unterkünfte sich dort finden und welche Highlights es eventuell noch neben der wunderbaren Natur gibt. Zu ausführlich waren mir dann definitiv die Ausführungen zu den Touristinfos (vor Ort und direkt von zu Hause aus), sowie die Anreise mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln (für jede Tour!). Wichtig dann die beiden letzten Abschnitte zu den Themen: Straßen- und Wanderkarten. Aber eines steht fest: es wird wohl kaum jemanden geben, der diesen allgemeinen Teil gelesen hat und nachher behauptet, er fühle sich nicht ausreichend informiert.

Kommen wir nun zu den Tourenbeschreibungen. Wer sich einen genaueren Überblick verschaffen möchte, der ist übrigens mit der faltbaren Übersichtskarte am Ende des Wanderführers im Maßstab 1:500.000 bestens beraten. Bei den einzelnen Beschreibungen fallen vor allem die sehr raumgreifenden Höhenzeitdiagramme sofort ins Auge. Einzelne Wegpunkte, die sich im Fließtext und auch in den kleinen Wanderkärtchen wiederfinden, sind mit Nummern markiert. Da man sich für recht viele solcher Punkte entschieden hat, wird die Zeit zusammenfassend zwischen mehreren Punkten angegeben. Das ist vor allem deswegen nicht schlecht, weil es eine zusätzliche Orientierungshilfe schafft. Die kleinen Wanderkärtchen im Maßstab 1:25.000 sowie 1:50.000 enthalten alle notwendigen Details und geben auch Aufschluss über weitere Wege. Natürlich ist die Mitführung weiteren Kartenmaterials in jedem Fall zu empfehlen bzw. die Nutzung der zum Wanderführer gehörenden und auf der Verlagswebsite downloadfähigen GPS-Tracks. Alle wichtigen Infos zu jeder Tour finden sich in einem recht ausführlichen Infokasten. Hier findet man Angaben zu Länge/Gehzeit, Charakter der Wanderung, Markierung, Ausrüstung, Verpflegung (mit z.T. Webadressen, Öffnungszeiten, Telefonnr.) sowie Angaben zur Anreise. Der (sehr gut zu lesende!) Fließtext selbst, bietet alle notwendigen Informationen, sodass man sich ausreichend orientiert fühlt. Immer wieder streuen die Autoren dabei auch Bergausblicke und Wissenswertes und mehr ein oder empfehlen etwa geeignete Pausenplätze. Ich fühlte mich direkt ein wenig in Urlaubsstimmung versetzt und hätte gerne gleich selbst die Wanderstiefel geschnürt. Einzelne, sehr gut ausgewählte und erstklassig fotografierte Bildmotive bringen dem Leser das Piemont und die einzelnen Regionen/Touren nochmals näher. Gerne hätte ich mir noch ein paar mehr Bilder zu den Wanderungen gewünscht.

Mein Fazit: Während der Allgemeine Teil mir definitiv zu ausführlich geraten ist, konnte mich der (deutlich wichtigere) Tourenbeschreibungsteil echt begeistern. Eine erstklassige Tourenauswahl mit genau den richtigen Informationen sind die besten Garanten für gelungene Bergwanderungen im Piemont.

Christiane Fischer

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